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Zwischenstopp


"Verdammtes Auto!". Daryl McCaine schlug verärgert auf das Lenkrad seines alten Ford. Seine Frau Erica verdrehte die Augen. Schließlich war ihr Mann es schuld, dass das Auto nun stetig langsamer wurde und der Motor bedrohlich klapperte. Sie hatte ihm schon vor einigen Wochen gesagt, dass etwas mit dem Auto nicht stimmte, doch Daryl antwortete nur:"Das bildest du dir ein, Schatz. Ich schraub' doch jedes Wochenende an dem Wagen herum.Wenn etwas nicht in Ordnung wäre, hätte ich es doch wohl gemerkt, oder nicht?"Erica schmunzelte. "Ähm...Papa", fing Mike vorsichtig an. Er wusste, wenn sein Vater wütend war sollte man ihn besser nicht ansprechen, dennoch wagte der Junge es:"Da...da kommt schwarzer Rauch hinten aus dem Auto raus" Daryl sah nur kurz in den Rückspiegel. Mike starrte seinen Vater an. Der Schweiß spiegelte sich auf seiner Glatze wieder. Mike sah nun aus dem Fenster. Ihm war es lieber, sein Vater ignorierte ihn, als dass er rumschrie. Mike war ein relativ kleiner, dicker Junge mit braunen, lockigen Haaren. Doch sein Übergewicht störte Mike nicht so sehr, es war eher die geringe Größe von 1.64m bei seinen 12 Jahren. Noch frustrierter war er, dass seine 16 Jährige Schwester Angela jetzt schon fast 1.80m groß war. Angela hatte rotblonde schulterlange Haare und blaue Augen. Auch hatte sie eine bessere Figur, als ihr Bruder. Sie war sehr dünn, fast schon zu dünn wie ihre Eltern fanden. Doch sie war damit zufrieden. Angela vertrieb sich die inzwischen schon sechs stündige Autofahrt mit Musik hören. Dies war auch der Grund, warum sie seit Der Abfahrt nichts mehr gesagt hatte. Mike war sich nicht einmal sicher, ob sie bemerkt hatte, dass der Ford langsam aber sicher seinen Geist aufgab. Inzwischen fuhren die McCaines mit 25 Meilen pro Stunde über die einsame Landstraße durch das kleine Wäldchen. Es gab einen erneuten lauten Knall, Mike und Erica zuckten zusammen. "Meinst du, wir schaffen die restlichen 60 Meilen bis zu unserem Ferienhaus?", fragte Erica vorsichtig. "Nein", brummte Daryl nur. Erica wartete einige Sekunde auf eine Lösung, was sie nun tun sollten, doch Daryl starrte nur auf die Landstraße vor sich. "Und", startete Erica nach einigen Sekunden erneut "was machen wir jetzt?". "Es gibt ein Dorf...Hansenville...die haben eine Werkstadt.", brummte Daryl knapp. "Wie weit...", fing Erica an, doch Daryl unterbrach sie:"Noch etwa 2 Meilen. Das sollte er noch schaffen." Erica runzelte die Stirn. Dem Klappern nach zu urteilen könnte der Ford jede Sekunde in die Luft fliegen, aber sie zog es vor, nichts zu sagen. Ein Streit war das letzte, was sie nun gebrauchen konnten.
Das laute Klappern des Fords war schon aus großer Entfernung zu hören. Auch die große schwarze Rauchwolke, die das Auto umgab war schon aus weiter Ferne zu sehen. Daryl fuhr über die einzige Hauptstraße des Ortes, mit den Blicken eine Werkstatt suchend. Dann erschien endlich das große, leuchtende Schild:"Sean's Werkstatt". Erleichtert bog Daryl in die Einfahrt. Als der Ford zum Stehen gekommen war, stieg die gesamte Familie schweißnass aus, nur Angela schien noch völlig ruhig zu sein. Als sie ausgestiegen war, nahm sie einen Ohrstöpsel aus ihrem Ohr:"Sind wir schon da?", fragte sie ungläubig. "Nein", sagte Mike "aber Dad hat die Karre jetzt endgültig abgeschossen". Ein Lächeln breitete sich auf Angelas Gesicht aus. "Ich hab mich schon gefragt, wielange das Ding noch durchhält", sagte Angela böse und grinste breit dabei. Daryl warf seiner Tochter einen tödlichen Blick zu, dann drehte er sich zu seiner Frau:"Geh mal rein und sag bescheid, dass wir einen Mechaniker brauchen." "Nicht nötig", erklang eine ältere Stimme aus der Werkstatt. Ein dicker, älterer Mann, mit kurzen weißen Haaren kam aus dem Gebäude. Er versuchte seine Hände mit einem dreckigen Tuch zu reinigen. "Hab' sie schon von weitem kommen hören...und sehen. Mir war klar, dass sie zu mir kommen würden." Der Mechaniker warf einen kurzen Blick auf das Auto, ohne auch nur die Motorhaube zu öffnen. "Sie mussten entweder zu mir, oder das Ding im nächsten See versenken. Beides wäre gerechtfertigt gewesen.", der Mann grinste leicht. Aufs Daryls Kopf traten nun einige Adern hervor, die heftig pochten. "Können Sie es reparieren,oder nicht?", knurrte er. Der Mechaniker schien von dieser Frage überrascht zu sein. Er sah Daryl mit großen Augen an. Dann drehte er sich dem alten, nun auch vom Motor her dampfenden, Ford zu und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Einen Moment lang starrte der Mechaniker den Wagen nur an, dann drehte er sich wieder Daryl zu:"Klar kann ich den Wagen reparieren. In vier bis fünf Tagen können sie dann wieder damit fahren", sagte der Mechaniker und schlug mit der Handfläche auf die Motorhaube. Ein leises Knacken war zu hören. "Vier bis fünf Tage?!", rief Daryl entsetzt. "Sie könnten sich auch einfach ein neues Auto kaufen...das wär wohl sowieso besser, denk ich." Daryl kämpfte mit sich, sich jeden weiteren Kommentar zu verkneifen und drehte sich zu seiner Familie. "Lasst uns ein Hotel oder sowas suchen", sagte er langsam und Zähne knirschend. Mike wich sofort ein paar Schritte zurück. "Ist gut", sagte Erica nur und ging auf den Ausgang der Werkstatt zu. Ihre Familie folgte ihr.
"Vier bis fünf Tage!", rief Daryl wütend, als die McCaines in ihr Zimmer eintraten. "Dass ich nicht lache! Der Typ muss hier wahrscheinlich nur Rasenmäher reparieren und hat keine Ahnung, wie ein Auto überhaupt funktioniert! Er hat nichtmal die Motorhaube aufgemacht!" Daryl warf seine Tasche auf das Doppelbett und setzte sich auf einen der beiden Sessel, die in dem kleinen Zimmer herum standen. "Jetzt beruhig dich", sagte Erica entnervt. "Ich denke, er hat schon Ahnung von Autos. Was anderes können wir hier sowieso nicht mit dem Auto machen. Oder willst du den Mechaniker fragen, ob DU an deinem Auto rumschrauben darfst?", gab Erica spitz hinzu. Ihr Mann schnaufte nur. "Hey Mum, was dagegen, wenn wir uns ein bisschen das Dorf angucken?", fragte Mike während er aus dem kleinen Fenster sah. "Ja, ist gut.", sagte sie beiläufig, während sie eine der Taschen auspackte.
Angela und Mike waren froh, eine Weile von ihrem Vater wegzukommen. "Wie soll das nur die ganzen vier Tage über in diesem kleinen Hotelzimmer werden?", fragte Angela genervt. Mike zuckte mit den Schultern. Die beiden gingen über die Hauptstraße des Dorfes. "Warum kann Dad nicht alleine in Urlaub fahren wie die letzten Jahre auch?", stöhnte Mike. "Weil er mal wieder einen Urlaub mit seiner geliebten Familie verbringen wollte", gab Angela weiterhin genervt zurück. Mike seufzte. Der letzte gemeinsame Urlaub war nun schon fast sieben Jahre her. Damals waren sie zelten. Seitdem fuhren sie meistens mit ihrer Mutter in den Urlaub. Der Vater fuhr meistens alleine weg. "Um mal richtig auszuspannen", sagte er immer. Wo genau er hinfuhr, wusste seine Familie nicht. Daryl sprach kaum über seinen Urlaub, wenn er wieder da war. Der einzige Unterschied zu vorher war, dass er viel entspannter wirkte und das für Wochen. Doch dieses Jahr war es anders: Ihr Vater hatte ihnen einen Monat zuvor freudig verkündet, dass er wieder einmal einen Urlaub mit seiner Familie machen wollte, da sie sich in den letzten Wochen durch den Beruf des Vaters wenig gesehen hatten. Wieso er gerade in diesem Jahr mit ihnen zusammen in Urlaub fahren wollte, wussten sie nicht. Es war ihnen im Prinzip auch egal, sie wollten einfach nur die nächsten zwei Wochen überstehen. Der Himmel war blau und die Sonne schien, dennoch sahen sie sogut wie keine anderen Menschen auf der Straße. "Komisch", sagte Angela leise. "Was denn?", fragte Mike gelangweilt. "Dass bei dem Wetter kaum Leute draußen sind. Was machen die denn, wenn sie nicht nach draußen gehen?", gab Angela zurück. "Und was machen die, wenn sie draußen sind in so einem kleinen Kaff?", fragte Mike grinsend. Angela musste nun ebenfalls grinsen. Sie bogen in eine kleinere Straße ab. Es war wirklich still in dieser Stadt: Keine spielenden Kinder, keine Autos, nicht einmal Vögel waren zu hören. Diese Stille beunruhigte Angela, Mike jedoch schien es gar nicht aufzufallen. "Was sollen wir hier eigentlich machen, bis wir weiter fahren können?", fragte Mike auf einmal. "Keine Ahnung", sagte Angela gedankenverloren. Nach einigen Metern landeten die beiden an einer größeren Straße, nur ein bisschen kleiner, als die Hauptstraße des Dorfes. Angela und Mike beschlossen, auch diese Straße entlang zu gehen. Irgendetwas interessantes musste es doch in diesem Dorf geben. Plötzlich schreckten beide zusammen. Ein Auto fuhr an ihnen vorbei. Mit diesem Geräuch hatten sie hier inzwischen schon nicht mehr gerechnet. Sie beide wunderten sich über ihre eigene Reaktion. Immerhin kamen sie aus San Francisco, ohne Zweifel eine der größten Städte der USA. Und doch war es ihnen, als wär dies das erste fahrende Auto, das sie seit Tagen gesehen hatten. Angela lachte. "Kaum eine Stunde hier, schon erschrecken wir uns bei Autogeräuschen". Mike grinste nur leicht. Ein kühler Wind kam auf.
Daryl lag gelangweilt auf dem Bett und schaltete durch die verschiedenen Programme des kleinen Fernsehers. Erica lief im Zimmer auf und ab, an ihrem Ohr ihr Handy. Sie telefonierte mit ihrer besten Freundin:"...Ja...ja, genau, das hab ich ihm auch gesagt, aber er hört ja nicht auf mich...Ja, Hansenville...genau...nein, ich auch nicht, aber Daryl scheint es zu kennen..." Daryl hatte sich inzwischen zwar wieder etwas beruhigt, dennoch spürte er die Adern an seinem Kopf heftig pochen. Er konnte Monica, Ericas beste Freundin, einfach nicht leiden. Er wusste selbst nicht, woran das lag. Doch im Moment hatte er größere Probleme als Monica. Er hoffte, der Mechaniker würde schneller arbeiten als Daryl es ihm zutraute. Er beschloss, sich später einmal anzuschauen, wie weit der Mechaniker schon gekommen war.
Der Abend kam für die McCaines schneller, als sie es erwartet hatten. Es war Daryl so, als wären sie erst vor ein paar Minuten in Hansenville angekommen. Auch Angela wunderte sich über die frühe Dunkelheit. Schnell rannten Mike und sie durch die engen, dunklen Gassen des Dorfes. Doch eine Gasse sah wie die andere aus. "Scheiße, wo ist dieses Hotel?", rief Mike außer Atem. "Keine Ahnung, hier sieht alles gleich aus.", gab Angela ebenfalls außer Atem zurück. Sie dachte darüber nach, was beim letzten Mal passierte, als Mike und sie erst nach Einbruch der Dunkelheit bei ihren Eltern waren. Im Urlaub würde es wahrscheinlich noch schlimmer werden. Sie starrte auf die kleine Narbe an ihrem rechten Handgelenk. Ihr Vater hatte sich hunderte Male dafür entschuldigt, es wäre keine Absicht gewesen sagte er immer wieder. Ganz verziehen hatte sie ihm trotzdem nicht, dass er damals eine Bierflasche nach ihr geworfen hatte. Doch daran mochte Angela nicht mehr denken, sie konzentrierte sich lieber darauf, aus dem Labyrinth der vielen dunklen Gassen zu entkommen.
Daryl war inzwischen damit beschäftigt, sich damit abzufinden, dass sie diese Kleinstadt wohl nicht so schnell verlassen würden. Als er bei der Werkstatt war um sich anzusehen wie weit der Mechaniker bis dahin gekommen war wurden alle seine Hoffnungen, diese Stadt vielleicht schon in zwei oder drei Tagen zu verlassen, zerstört. Der Mechaniker hatte das Auto noch nicht einmal in die Werkstatt gebracht. Es stand noch an der exakt selben Stelle, an der Daryl es einige Stunden zuvor abgestellt hatte. Stattdessen versuchte der Mechaniker einen kleinen alten Fernseher zu reparieren. Augenscheinlich mit wenig Erfolg, denn er fluchte oft. Daryl wagte es nicht, den Mann darauf anzusprechen, stattdessen verließ er so schnell er konnte das Werkstattgelände und ging auf direktem Weg zurück zu dem Hotel. Dem einzigen Gebäude in der Stadt, das mehr als drei Stockwerke zu besitzen schien. Nun saß Daryl auf einem der Betten und überlegte, was sie jetzt tun sollten. Außerdem wartete er auf seine Kinder. "Fast eine Stunde!", rief Erica aufgeregt und ging im Zimmer auf und ab "es ist schon seit fast einer Stunde dunkel und was machen DEINE Kinder? Treiben sich in einer völlig fremden Stadt nachts noch alleine rum!" Erica wollte ihrem Ärger über den nun verzögerten Urlaub etwas Luft machen, doch Daryl reagierte nicht. Er saß nur am Rand des Bettes und starrte auf den Boden. Das machte Erica noch wütender:"Und du hältst es auch nicht für nötig, sie vielleicht zu suchen? Immerhin scheinst du diese Stadt doch zu kennen." "Nein", gab Daryl nur zurück. Erica ballte die Fäuste. In diesem Moment ging die Tür des kleinen Zimmers auf und Mike und Angela traten ein. Beide sahen sehr müde aus. "Ach, kommt ihr auch schon?! Und ihr seit ja nur eine Stunde überfällig!", rief Erica den beiden entgegen. Mike trat intuitiv einen Schritt zurück in Richtung Tür, doch Angela schien sich von ihrer Mutter gar nicht stören zu lassen und ging direkt auf das Badezimmer zu. "Sorry, haben uns verlaufen", sagte sie nur beiläufig zu ihrer Mutter. Diese wollte die Sache damit allerdings nicht auf sich beruhen lassen. Sie holte Luft um ihrer Tochter eine Antwort zu geben, doch Daryl war schneller:"Sie sind doch jetzt da, Erica.", sagte er genervt. "Außerdem sehen die Straßen in diesem Kaff wirklich alle gleich aus." Erica schien sich etwas zu beruhigen. "Woher kennst du dieses Dorf eigentlich?", fragte sie kühl, aber ruhiger. "Ich hab hier vor ein paar Jahren mal geschäftlich zutun gehabt" Daryl arbeitete für eine große Versicherungsfirma. Bis vor einem Jahr war er noch dafür zuständig, dass die zu versicherten Gebäude und Firmen wirklich in einem einwandfreien Zustand waren. Jetzt hatte er einen Job in einem kleinen stickigen Büro. Erica versuchte, ihren Mann noch weiter auszufragen doch dieser beschloss, wieder auf seine Beine zu starren. Erica gab es auf. Sie entschied sich dazu, schlafen zu gehen. Der Rest ihrer Familie tat es ihr gleich.
"Mach den Fernseher leise, du alte Schlampe!" Mrs Robinson lies sich von ihren Nachbarn, die wiedereinmal vor ihrer Tür standen und heftig klopften nicht stören. Sie wohnte immerhin schon mehr als 81 Jahre, also ihr ganzes Leben, in diesem Dorf und sah es deswegen als ihr Grundrecht an, ihre Seifenopern so laut zu schauen wie sie es für richtig hielt. "In ein paar Minuten geben sie sowieso wieder auf, jeden Donnerstagabend das gleiche". Sie drehte sich zu der Haustür "Dass eine alte Frau nicht einmal in Ruhe ihre Lieblingssendung sehen darf!" Doch die Nachbarn reagierten nicht, sondern fluchten und klopften nur weiter. Mrs Robinson drehte den Fernseher lauter, immerhin fing jetzt ihre Lieblingsserie, eine Seifenoper aus den 50er Jahren, an. Sie hatte jede Folge schon mindestens fünf Mal gesehen, aber das störte sie nicht. Irgendwann verstummte auch das Geschrei der Nachbarn. Mrs Robinson lehnte sich zurück und schaute ihre Seifenoper. Es gab einen dumpfen Schlag, als wenn eine Tür aufgeschlagen wurde. Doch Mrs Robinson hörte nichts, außer ihrer Serie. Sie hörte seit etwa zwei Jahren sowieso nicht mehr sehr gut, weigerte sich allerdings, ein Hörgerät zu tragen. "Ich habe mein ganzes Leben ohne irgendwelche Technik im Körper überlebt und werde das jetzt nicht ändern.", sagte sie immer, wenn ihre Enkelin sie bat, ein Hörgerät zumindest einmal auszuprobieren. Der Held ihrer Seifenoper erfuhr soeben, dass seine Frau ihn mit seinem Bruder betrogen hatte und Mrs Robinson schimpfte laut:"Unverschämtes Weibsbild. Du solltest sie tot schlagen, Brad!" rief sie dem ca. 35 jährigen Hauptdarsteller zu. Leise, langsame Schritte kamen auf Mrs Robinson zu, doch weiterhin bemerkte sie nichts davon. Selbst einem normalhörenden Menschen wäre bei dieser Fernseherlautstärke nichts aufgefallen. Der Hauptdarsteller der Seifenoper führte derweil eine heftige Auseinandersetzung mit seiner Frau und Mrs Robinson feuerte ihn lautstark an:"Ja, so ist es gut. Dieses Weib hat auch nichts an...", Mrs Robinson stockte mitten im Satz und schlagartig verliessen sie die Kräfte. Sie spürte einen großen Schmerz an ihrem Hinterkopf. Langsam versuchte sich die alte Dame aufzurichten, doch ihre Beine knickten ihr weg und sie fiel zu Boden. Alles wurde schemenhaft und weiß. Aus den Augenwinkeln konnte sie aber dennoch erkennen, dass jemand auf sie zukam und zugleich spürte sie einen weiteren, noch heftigeren Schmerz in ihrem Rücken. Völlig fassungslos öffnete sie den Mund um etwas zu sagen, doch sie spuckte nur etwas Blut. Nun wurde ihr gesamtes Sichtfeld weiß und auch die Vorwürfe ihres Serienhelden an seine Frau wurden leiser und entfernten sich von ihr. Mit ihren letzten Gedanken beschuldigte Mrs Robinson ihre Nachbarn sie angegriffen zu haben, doch es spielte keine Rolle mehr, wen die alte Frau verdächtigte, denn in diesem Moment starb sie.
Verschlafen torkelten Mike, Angela und Daryl aus ihrem Zimmer um im Speisesaal zu frühstücken. Erica wartete schon an einem der Tische und frühstückte bereits. Als sie ihre Familie sah, winkte sie diese zu sich. Alle drei setzten sich. Daryl sah blass aus. "Alles klar, Schatz?", fragte Erica kauend. "Hm? Ja ja, alles klar. Hab nur schlecht geschlafen. Ich hoffe, der Mechaniker fängt heute endlich an, unser Auto zu reparieren.", antwortete er gereizt. "Bestimmt", sagte Erica. "Und jetzt esst schnell, wir haben heute nämlich noch einiges vor!", ergänzte sie fröhlich. Angela und Daryl blickten sie fragend an, Mike stand auf und ging zu dem reich gedeckten Buffet.
"Du verarschst uns?!", fragte Angela ungläubig, als sie mit ihrer Familie durch die Kleinstadt streifte. "Dieses Kaff hat niemals ein Kino?!" Erica grinste. "Doch hat es. Einer aus dem Hotel hat mir das heute morgen erzählt, als ihr noch geschlafen habt. Und da sollen super Filme laufen." Mike blickte sie ungläubig an. Er wollte auch noch einen Kommentar dazu geben, doch er wurde jäh von dem Blaulicht eines Polizeiwagen unterbrochen. Mike drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch ertönte. "Ordentlich. Polizeiwagen haben die hier auch. Ich bin schwer beeindruckt", er grinste böse. Erica runzelte die Stirn. "Wir sind hier nicht in einem Urwalddorf. Die Stadt ist halt nur etwas kleiner als San Francisco, aber deswegen gibt es hier trotzdem Technik!" Der Polizeiwagen fuhr schnell an ihnen vorbei.
Hansenville hatte in der Tat ein Kino. Es war nicht so groß, wie die Kinos in San Francisco, doch der Familie war klar, dass sie hier wohl kaum ihre Großstadt-Maßstäbe ansetzen konnten. Die vier entschieden sich für einen Actionfilm. Als dieser gegen Nachmittag endete gingen sie noch etwas spazieren. "Und? Hab ich euch zuviel versprochen?", fragte Erica vergnügt "Entschuldigung. Wir haben dieses Kaff wohl wirklich unterschätzt", sagte Mike und blickte sich um. "Vielleicht", ergänzte er leise. Daryl blieb auf einmal stehen. "Da vorne ist die Werkstatt. Ich werde mal fragen, wie weit der Typ mit unserem Auto ist". Er ging mit schnellen Schritten darauf zu, blieb aber nach etwa zehn Metern noch einmal stehen. "Geht ruhig schonmal weiter, ich komm dann zum Hotel". Erica blickte ihre Kinder an. "Was sollen wir jetzt machen? Zum Hotel zurück gehen?" Angela und Mike schüttelten den Kopf. Sie konnten ihre Mutter davon überzeugen, sich noch etwas das Dorf anzusehen. Auch wenn es nicht sehr aufregend erschien, war es immer noch spannender als den Rest des Tages auf dem Hotelzimmer zu verbringen. Die Geschwister gingen los in die Richtung einiger Bäume.
Die Sonne schien feuerrot knapp über den Bäumen hinweg. Es war bereits früher Abend, doch Angela und Mike hatten bisher noch nichts erwähnenswertes in Hansenville gesehen. "Mein Gott, ich habe selten sowas langweiliges gesehen", beschwerte sich Mike "Wir hätten doch lieber mit zum Hotelzimmer kommen sollen. Das wär bestimmt spannender gewesen." Angela rollte die Augen. Sie wusste, dass er Recht hatte, doch sie wollte es weder sich, noch ihm eingestehen. Mike blieb stehen. "Was ist jetzt wieder?", fragte Angela genervt. Ihr Bruder grinste. Das Mädchen folgte seinem Blick und schaute direkt auf ein altes Schild. Es war kaum noch zu lesen. Dies schien ohnehin seit Jahren niemand mehr gemacht zu haben. 'Hansenville-Alte Stadtbibliothek' war dort mit schwarzen Lettern geschrieben. Etwa 20 Meter hinter dem Schild ragte ein großes, dunkles Gebäude empor. Angela hatte es erst jetzt bemerkt, sie wusste selbst nicht warum. Die Bibliothek lag dunkel und verlassen da. Sie erweckte den gleichen Eindruck wie das Schild: Als hätte sich schon seit Jahren niemand mehr darum gekümmert. Das Efeu überdeckte einen großen Teil der Fassade, auch einige Fenster des Erdgeschosses. Der Putz blätterte ab und hier und da waren Risse zu erkennen. Wie die Bibliothek so da lag in der untergehenden Sonne erweckte es den Eindruck eines alten Schlosses. Eines Spukschlosses, um genau zu sein. So eines, wie man es aus alten Horrorfilmen kannte. Dies war auch Mikes erster Gedanke. Er schluckte leise. Angela grinste. "Vielleicht ist hier doch nicht alles langweilig." Mike starrte sie an. "Du willst da doch nicht etwa rein, oder?!" Er ahnte die Antwort bereits. "Warum denn nicht? Hast du Angst?"-"Ach leck mich." Angela wusste genau, warum Mike sich so anstellte, doch es war nun an der Zeit, dass er sein Trauma überwinden sollte. So dachte sie. "Na komm, Mike", sagte sie besänftigend. "Ich möchte mich darin nur ganz kurz umsehen." Mike sah noch einmal an dem alten Haus hoch. "Ein kurzer Blick", sagte er endlich. Angela verkniff sich jeden Freudenschrei, doch sie hatte es geschafft. Sie hatte das geschafft, was ihre Eltern seit fast acht Jahren erfolglos versucht hatten: Mike in ein altes verlassenes Haus zu bekommen.
Es war vor etwa sechs Jahren gewesen. Mike war das erste Mal alleine von seinem besten Freund Tom nach hause unterwegs gewesen und hatte sich nun verlaufen. Schließlich landete er sogar in einem kleinen Wald. Die Bäume wuchsen dunkel und groß neben ihm empor. Das Mondlicht fiel vereinzelt durch die Kronen der Bäume bis auf den Boden und tauchte alles in ein unheimliches Licht. Mike begann zu rennen, doch seine Angst ließ ihn nicht los. Überall hörte er es rascheln und auch die Rufe einer entfernten Eule ließen Mike kalte Schauer über den Rücken laufen. Nach einigen Minuten schaffte er es jedoch wieder heraus aus dem Wald. Glücklich darüber, die unheimlichen Geräusche hinter sich lassen zu können bemerkte er das vor ihm empor ragende Haus nicht sofort. Als er es sah, schreckte er zusammen. Dieses Haus musste sehr alt gewesen sein. Es war noch, soweit Mike es sehen konnte, vollständig aus Holz gebaut worden, trotzdem war es noch in einem guten Zustand. Der Junge blickte sich um. Das Haus stand auf einer Lichtung, von allen Seiten von dem dichten Wald umschlossen. Er brauchte Hilfe, um wieder nach hause zu kommen. Ob die Bewohner dieses Hauses ihm helfen würden? Mike war nie besonders schüchtern gewesen, also beschloss Mike, sie einfach zu fragen. Die drei Stufen bis zu der dunklen großen Tür knarrten unter seinen Schritten. Als er die Tür erreicht hatte, kam ihm eine andere Frage in den Sinn: Wohnte überhaupt jemand in diesem Haus? Natürlich, es war gut in Stand, aber es gab keine Straße oder ähnliches, was einen Weg in die Stadt vermuten lassen würde. Mike verwarf diesen Gedanken jedoch augenblicklich und klopfte mit dem an der Tür hängenden Eisenring an. "Hätte das Ding ein paar Millimeter höher gehangen, hätte ich ein Problem", dachte Mike während er wartete, dass ihm jemand die Tür öffnete. Doch nichts geschah. Mike klopfte noch einmal an. Er wusste nicht, wie er es ohne Hilfe durch den Wald schaffen sollte und eigentlich wollte er das auch nicht. Die Tür bewegte sich knarrend und schwank etwa bis zur Hälfte auf. Vorsichtig sah Mike in das Haus hinein. Von innen wirkte es ganz anders als von außen: Der Staub lag dick auf den alten Möbeln und die Fenster wirkten dreckig. Doch jemand hatte Mike die Tür geöffnet, also würde hier auch jemand leben. Zumindest ein Hausmeister oder so. "Ha..Hallo?", rief er und merkte, dass er Schwierigkeiten hatte, die Stimme zu halten. Es kam keine Antwort. Langsam ging Mike ein paar Schritte zurück. Der einzige Ort, wo er noch weniger hinwollte als in den dichten dunklen Wald war ein Geisterhaus. "Wer ist da?", erklang eine dunkle alte Stimme aus dem Inneren des Hauses. Mike zuckte zusammen. Ein alter humpelnder Mann trat in die Tür. Das schwache Mondlicht beleuchtete sein Gesicht. Es war voller Furchen und sah sehr müde aus. Mit seinem Gehstock tippte der Mann Mike am Bein an. "Hey", krächzte er. "Wer bist du?" Mike versuchte sich zu beruhigen. "Ich bi..bin Mike McCaine und ich...also ich hab mich verlaufen, da in dem Wald" Mike zeigte auf den Wald hinter sich "und ich wollte fragen, ob Sie vielleicht...vielleicht meine Eltern anrufen könnten, oder..."-"Schon gut", unterbrach der Mann den stotternden Jungen "Komm rein". Langsam und schwerfällig drehte der Mann sich um und ging zurück in das Haus. Mike zögerte kurz, doch dann folgte er ihm. Der erste Eindruck des Inneren hatte nicht getäuscht. Es sah dort wirklich so aus, als ob seid Jahrzehnten niemand mehr sauber gemacht hätte. Der Mann verschwand in einem pechschwarzen Raum einige Meter links von Mike. "Ein Moment, ich komme sofort", rief der Mann dem Jungen zu. "Ich muss nur eben etwas holen. Geh schonmal hoch, da steht das Telefon. Kannst schonmal anrufen und dann hier warten, bis deine Eltern dich abgeholt haben." Mike sah sich um. Eine große ebenfalls hölzerne Treppe erstreckte sich in die erste Etage des Hauses. Langsam ging er darauf zu und sah sich weiter in dem Raum um. Als Mike die erste Etage erreicht hatte durchfuhr ihn sofort ein eiskaltes unbehagliches Gefühl. Er sah nun direkt in einen langen Gang. Links von ihm lagen Türen in regelmäßigen Abschnitten, rechts, immer direkt gegenüber der Türen, befanden sich Fenster. Einen kurzen Moment lang fragte sich Mike, warum jemand soviele Fenster hatte. Doch etwas riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Stimme. Mike konnte sie nicht verstehen, doch die Angst, die schon in dem Wald verspürt hatte, kam neu auf. Er sah sich um. Augenscheinlich war nur er auf dieser Etage. Wann kam der Mann endlich? Mike fiel wieder ein, warum er hier war. Seine Augen durchsuchten den Gang, doch nirgends war ein Telefon zu sehen. Durch die Fenster kam ein Wind herein. Die dünnen Vorhänge wehten unheimlich in den Gang hinein. Mike zitterte. Wär er doch lieber bei Tom geblieben oder hätte sich abholen lassen. Aber er wollte seinen Eltern beweisen, dass er inzwischen auch alleine nach hause gehen konnte. Warum eigentlich? Die Stimme wurde ein wenig lauter, jedoch immer noch sehr unverständlich. Mike sah die Trepper herunter. "Hallo?", rief er. "Ich kann das Telefon nicht finden. Könnten...könnten Sie mir..." ein Knarren unterbrach ihn jäh, denn das Knarren kam von der ersten Etage. Es konnte nur ein paar Meter hinter ihm sein, doch Mike wagte es nicht sich umzudrehen. Starr vor Angst stand er da und hielt die Luft an. Leise Schritte näherten sich ihm ruhig. Als es nur noch etwa einen Meter von Mike entfernt war, hielt es plötzlich inne. Mike spürte einen heißen Atem in seinem Nacken. Die Angst in ihm wurde so groß, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Er versuchte sich noch an dem Geländer der Treppe festzuhalten, erwischte es jedoch nicht mehr und stürtzte die Trepper herunter. Nach den ersten beiden Stufen verlor Mike dann vollends sein Bewusstsein und versank in einen unheimlichen Traum.
Schweißnass wurde Mike dann am nächsten Tag in einem Krankenhaus wach. Seine Eltern saßen an seinem Bett fielen ihrem Sohn um den Hals. Sie erzählten ihm, dass er bewusstlos von einem Förster gefunden wurde. Mike lag, nach Aussage des Försters, auf einem Baumstumpf. Seine Kleidung hatte Risse und war dreckig, an seinem rechten Arm klaffte eine Bisswunde. Der Förster und der Arzt waren sich einig, dass diese Verletzung durch einen Fuchs entstanden war. "In den letzten Wochen wurden viele Tiere mit Tollwut gefunden", so der Förster. Natürlich erzählte Mike von seinen Erlebnissen in dem alten Haus. Auch wenn die Ereignisse ein wenig abenteuerlich klangen schaltete Daryl die Polizei ein, die dieses Haus tatsächlich fand. Nachdem nach mehrmaligen Aufforderungen niemand die Tür öffnete wurde ein Durchsuchungsbefehl eingeholt. Die Polizei berichtete Daryl später, sie hatten nichts in dem Haus gefunden. Es gab zwar ein paar Einrichtungsgegenstände, die jedoch völlig verstaubt waren. Allerdings wurde der alte Mann, den Mike beschrieben hatte, nicht gefunden. Auch fand sich kein Wesen in der ersten Etage, obwohl die Polizei alles gründlich durchsucht hatte. Zuerst nahm Daryl an, dass Mike dies alles nur geträumt hatte, doch als er zwei Monate später mit zu einem Haus fuhr, das Daryl sich im Rahmen seiner Arbeit einmal ansehen sollte, fing Mike an zu weinen und zu schreien. Er wehrte sich konsequent, auch nur einen Schritt in dieses Haus zu setzen. Weiter beharrte er darauf, dass die von ihm geschilderten Ereignisse wirklich passiert waren und auf keinen Fall nur in seiner Fantasie entstanden waren. Dafür waren sie einfach zu real. Nachdem einige Psychologen erfolglos versucht hatten, Mike vom Gegenteil zu überzeugen, beschloss Daryl eines Tages, seinem Sohn etwas mehr Zeit zu geben. "Er wird sich schon wieder einkriegen. Außerdem wird er in seinem Leben bestimmt nicht sehr oft in ein altes Haus müssen", sagte Daryl immer abweisend. Erica ballte immer die Fäuste, wenn sie dies von ihrem Mann hörte. Sie konnte ihren Sohn nicht mit seiner Angst alleine lassen, jedoch wurde auch sie im Laufe der Jahre immer ratloser. Noch kurz vor dem Urlaub musste Mike zu einer Kinderpsychologin mit sehr gutem Ruf gehen. Doch auch sie konnte ihn nicht davon überzeugen, dass Mike alles nur geträumt hatte. "Ich weiß nicht, ob es so gut ist, wenn Sie jetzt mit ihm in den Urlaub fahren", hatte die Psychologin nach dem letzten Termin zu Erica gesagt "wir machen gute Fortschritte, jedoch ist es nicht ratsam, die Behandlung jetzt zu unterbrechen". Erica musterte die Frau. Sie wusste genau, dass die Psychologin bisher genauso viel erreicht hatten wie ihre Vorgänger: Nichts. Also lächelte Erica zuckersüß und antwortete:"Keine Sorge. Ich bin mir sicher, Sie werden nach unserem Urlaub an ihren 'Fortschritten' weiter arbeiten können". Mike selbst hasste es, ständig zu verschiedenen Psychologen gehen zu müssen, aber er konnte nicht verleugnen, was er in der Nacht gesehen hatte. Und dass die Polizei dieses Haus gefunden hatte bestärkte ihn darin noch.
Doch dieses Kapitel wurde heute Nacht geschlossen. Denn das erste Mal seit sechs Jahren ging Mike nun in eiligen Schritten auf ein Haus, sehr ähnlich dem damaligen, zu, in der Absicht, es zu betreten. Angela zeigte es nicht, doch sie war sehr Stolz auf ihren Bruder. Sie hatte ihn in den Wochen nach diesem Ereignis vor sechs Jahren jede Nacht erlebt, wie er teilweise schreiend und schweißnass wach wurde. Wenn sie ihn fragte, was los war, bekam sie immer die selbe Antwort:"Ich hatte wieder einen Alptraum...von diesem Haus." Doch nun endlich überwand Mike seine Angst. Warum auf einmal? Sie betraten die ersten Stufen hinauf zu der dunklen schweren Tür mit dem Eisenring daran. Einen Moment lang überlegte Angela, ob sie damit anklopfen sollte. Doch nach dem Zustand des Gebäudes zu urteilen würde es wohl kaum jemand hören. Stattdessen drückte sie gegen die Tür. Keine Reaktion. Seine Schwester bemerkte es zwar nicht, doch Mike zitterte leicht. Doch diesmal wollte er nicht weglaufen, sondern seine Angst, die ihn soviele Nächte kostete, endlich besiegen. Er war so in Gedanken versunken, dass er erst einige Sekunden später bemerkte, dass Angela zu einem der Fenster des Erdgeschosses gegangen war. Sie streifte das Efeu zur Seite und versuchte, durch die dreckigen Scheiben etwas erkennen zu können. Doch sie konnte nichts sehen. Frustriert ging sie zu ihrem Bruder zurück. "Scheiße, irgendwie muss man da doch reinkommen?", rief sie ihm entgegen. Mike sah auf die Tür. "Ob es jemanden stören würde, wenn wir einfach ein Fenster öffnen würden?", langsam glitt sein Blick zu Angela. Sie grinste. "Ich denke nicht. Zumindest nicht, solange wir noch hier sind." Mike sah sich um. Nur ein paar Meter von dem Eingang entfernt lag ein Stein. Er war nicht sehr groß, aber es würde reichen, um ein Loch in eine der Fensterscheiben zu schlagen, sodass ein menschlicher Arm dadurch passen würde. Angela sah sich um. Auch wenn sie es ihrem Bruder niemals zeigen würde, hatte sie doch etwas bedenken, ein Fenster einzuschlagen. Aber wer sollte sie schon dabei erwischen? Mike hatte inzwischen den Stein geholt und stand nun wenige Meter von einem der Fenster entfernt. Er holte aus und warf den Stein mitten durch eine Scheibe. Diese klirrte laut und splitterte. Selbstzufrieden ging Mike zu dem Fenster und griff hinein. Er vergaß in diesem Moment sogar seine Angst. Einen Moment lang musste er sich vortasten, bevor er den Hebel zum öffnen des Fensters fand. Er legte ihn um und glitt mit dem Arm nach draußen. Zusammen mit seiner Schwester schob er das Fenster auf. Ein staubiger alter Geruch schlug ihnen entgegen. Die Erinnerungen an die alten Ereignisse kamen in Mike wieder auf. Die beiden sahen sich in dem Raum um. An den Wänden befanden sich viele hohe Regale, alle mit einer dicken Staubschicht übersäht und komplett leer. In der Mitte des Raumes befanden sich zwei alte Tische und dazu gehörige Stühle. Diese sahen ebenfalls so aus, als wären sie seit Jahren nicht mehr benutzt oder gereinigt worden. "So, gehst du als erster rein?", fragte Angela herausfordernd. Mikes Augen wurden größer. "Ich? Warum ich?" Angela zuckte mit den Schultern. "Los, hoch", sagte sie in einem befehlston und fasste ihren Bruder um die Hüfte, um ihn hoch schieben zu können. Und bevor Mike richtig wusste, was mit ihm geschah, befand er sich bereits auf dem staubigen Boden innerhalb des Hauses. Es war hierdrin sehr viel dunkler als draußen, da die meisten Fenster durch das Efeu abgeschirmt wurden. Angela drückte ihm von hinten in den Rücken. Mike ging einige Schritte zur Seite, sodass auch sie herein konnte. "Ja...und jetzt?", fragte Mike, bedacht darauf, nicht zu ängstlich zu klingen. Doch die Erinnerungen an die Ereignisse vor sechs Jahren wurden immer stärker. "Ich würde sagen, lass uns die anderen Räume checken. Vielleicht gibt es hier ja noch etwas interessantes." Angela durchschritt den großen Raum und ging langsam auf eine massive Tür zu. Sie hoffte, dass die Türen innerhalb des Hauses offen waren. Sie griff die Türklinke und drückte sie herunter. Quietschend schwang die Tür auf. "Offen", rief sie knapp über die Schulter. Mike setzte sich in Bewegung. Der nächste Raum war noch dunkler als der erste. Jetzt bekam auch Angela ein bisschen Angst. Doch sie schluckte einmal und betrat den Raum. Hier waren sogar noch einzelne Bücher in den Regalen zu finden. Mike betrat nun ebenfalls den Raum und ging langsam auf einen der Tische zu. Angela dagegen näherte sich den Büchern. Warum lässt jemand Bücher zurück, wenn diese Blibothek augenscheinlich nicht mehr genutzt wird? Es waren in diesem Regal noch fünf Bücher übrig. Angela nahm eins heraus. Es sah sehr verstaubt und alt aus. Sie wischte mit der Hand einmal über den Einband und las den Titel:"Die Geschichte des 2.Weltkrieges. Eine Chronik von Herbert Schuster" Angela verdrehte die Augen und stellte es zurück in das Regal. "Kein Wunder, dass die Bücher hier gelassen wurden. Das scheint irgendein Mist zu sein.", sagte sie zu ihrem Bruder herüber. Doch dieser antwortete nicht. "Alles klar bei dir, Mike?", sagte sie und ging einige Schritte auf Mike zu. Dieser starrte auf den Tisch direkt vor sich. Seine Augen waren weit aufgerissen. "Hey", Angela berührte Mike am Arm. "Was ist los?" Sie machte sich Sorgen um ihren Bruder, der wirkte, wie vor acht Jahren. Mike hob seinen Arm und zeigte langsam auf den Tisch. "Da ist kein Staub", sagte er atemlos. Angela zog ihre rechte Augenbraue hoch. "Und deswegen machst du so einen Aufstand?!" Blitzschnell drehte er sich zu seiner Schwester um:"Kapierst du nicht?! Wenn hier kein Staub liegt, heißt das, dass hier vor kurzem jemand war!" Auch Angelas Augen wuchsen. Er hatte Recht. Die beiden Geschwister hatten in diesem Moment den gleichen Gedanken:"Wir müssen hier raus, bevor diese Person uns erwischt." Während Angela in erster Linie Angst vor einer Bestrafung hatte, kamen in Mike die alten Ängste wieder hoch. Er bereute, sich von Angela überreden lassen zu haben. Mike sah seine Schwester kurz an, diese fixierte den Ausgang mit den Augen. "Sollen wir lieber wieder gehen?", fragte sie nach kurzer Zeit leise. Mike antwortete nicht, sondern ging mit schnellen Schritten auf die alte Tür zu. Er wurde immer schneller, umso näher er der Tür kam. Doch bevor er die Tür durchschreiten konnte, wurde er jäh gestoppt.
Robert Anderson trank sein drittes Bier. Es war bereits später Abend, doch er lies sich bei seinem täglichen Bier nicht hetzen. Von niemandem. Seine Frau Karen war bereits im Bett, doch das war ihm egal. Er war froh, wenn sie nicht neben ihm stand und ihn wegen irgendwelcher Probleme anmeckerte. Nagut, er war Arbeitslos, aber wieso sollte er deswegen Hausarbeit übernehmen? Karens Job in der Drogerie war mit Sicherheit nicht so anstrengend, als dass sie nicht auch noch das bisschen Hausarbeit übernehmen konnte. Warum sollte er das auch machen, immerhin war das Frauenarbeit! Es war ein milder Abend und Robert saß auf seiner Veranda. Die Mücken summten um seinen Kopf. Das Haus der Andersons lag ein bisschen Abseits von Hansenville und so hatte Robert einen unbetrübten Blick auf einen kleinen Teich und ein paar Pappeln. Unbetrübt nur von der Pechschwarzen Nacht. Robert setzte die Flasche an und trank die letzten Tropfen Bier. Er wollte noch einen Moment dort sitzen bleiben und dann auch schlafen gehen. Es war wirklich eine sehr schöne Nacht, der volle runde Mond war groß und klar am Himmel zu erkennen. Robert betrachtete ihn gerne, doch mit einem Mal verschwamm dieser vor seinen Augen. Stattdessen wurde alles von einem gewaltigen Schmerz überlagert. Robert konnte nicht einmal sagen, von wo der Schmerz kam, doch er hatte keine Kraft mehr, sich auf dem Stuhl zu halten und rutschte herunter. Er lag nun auf seiner Veranda und spürte, wie sich eine warme Flüssigkeit unter ihm ausbreitete. Es schien von seinem Kopf auszugehen. Eine große, schmerzende Wunde an seinem Hinterkopf. Robert hatte Mühe, wach zu bleiben, doch es gelang ihm, sich noch einmal aufzurichten. Eine schwarz gekleidete Gestalt stand vor ihm. "Ka...ren?", hauchte Robert, der davon ausging, dass seine Frau sich an ihm gerächt hatte. Doch seine Frau lag friedlich schlafend in ihrem Bett, während die schwarze Gestalt ein Messer aus der Jackentasche zog und es Robert mit voller Wucht in den dicken Bierbauch rammte. Dieser schrie laut auf, doch ihm blieb die Luft weg, als weitere Stiche folgten. Die letzten angesammelten Kräfte versagten und Robert brach erneut zusammen, doch diesmal stand er nicht wieder auf. Er würde nie wieder aufstehen. Sein letzter, verschwommener Blick heftete sich an den vollen Mond, der ein kaltes Licht auf ihn warf. Die Gestalt wartete noch einen Moment, bis sie sicher war, dass Robert nich merhr atmete. Dann packte sie zufrieden das lange, blutige Messer in einen Plastikbeutel. Langsam schritt sie von der Veranda, während sie den Beutel in der Jackentasche verstaute.
Mike war gegen eine große, dunkle Gestalt gelaufen, die wie aus dem Nichts aus der Dunkelheit vor ihnen aufgetaucht war. Er taummelte zurück und versuchte, sich auf den Beinen zu halten. Nach einigen Schritten zurück in Richtung seiner Schwester hielt er an. Angela starrte mit riesigen, angsterfüllten Augen auf die Person in der Tür. Sie konnte nicht viel erkennen, doch trotzdem, oder gerade deswegen, wurde die Angst in ihr immer größer. "Was wollt ihr hier?", rief eine dunkle, raue Stimme. Im selben Moment blickte Mike in eine Taschenlampe. Er kniff die Augen zusammen. Durch das Licht erkannte Angela einen alten Mann mit Vollbart, der sie zornig anblickte. Der Mann wiederholte seine Frage, doch auch diesmal blieben die beiden Jugendlichen stumm. Nach einigen Sekunden jedoch fand Angela wieder zu ihrer Stimme:"Wir wollten nur...wir dachten, das Haus...", stammelte sie und überlegte dabei verzweifelt nach einer Ausrede. "Das Haus war abgesperrt und hier drin ist es gefährlich!", brüllte der Mann. Mike zuckte zusammen. "Ja, wir wollten...entschuldigung", antwortete Angela kleinlaut. Sie wusste selbst nicht warum, aber die Tatsache, dass der Mann nun schrie, beruhigte sie ein wenig. "Kommt mit, ich lass euch raus", sagte der Mann, der Angelas Erleichterung falsch deutete und ernsthaftes Bereuen bei den beiden sah. Nachdem die beiden wieder unter dem inzwischen fast völlig dunkelen Himmel waren, atmete auch Mike auf. "Das war wohl der Hausmeister", überlegte Mike. "Keine Ahnung", antwortete Angela nur knapp. Sie wollte jetzt nicht mehr darüber reden, sondern nur noch in ihr Hotel und schlafen.
Als Angela und ihr Bruder am nächsten Morgen wach wurden, war ihr Vater bereits wieder in der Werkstatt, um nach ihrem Auto zu sehen. Ihre Mutter las die Zeitung. Kopfschüttelnd las sie eine Überschrift vor, als sie sah, dass Angela aufstand:"Brückentroll schlägt in Kleinstadt zu". Angela hob eine Augenbraue. "Mein Gott, was die Leute für eine Scheiße erfinden, nur um Zeitungen zu verkaufen", fügte ihre Mutter hinzu. Etwa eine halbe Stunde später kam Daryl wieder, mit rotem Kopf. Keiner der Familienmitglieder wagte es, ihn in diesem Zustand anzusprechen. Nach wenigen Minuten startete Erica den Versuch, ein Gespräch zu beginnen. "Hast du gehört? Letzte Nacht wurde schon wieder jemand getötet. Ein Mann, etwas außerhalb von Hansenville." Daryl nickte knapp. "Ja, habs gehört." Erica blickte ihn verwundert an. "Achja? Woher? Du bist doch sofort nach dem Aufstehen zu diesem Mechaniker gegangen." Er erhob sich von dem Bett, auf dem er bisher saß und ging in die Richtung der Tür. "Hab's halt irgendwo gehört, keine Ahnung. Ich hab Hunger, kommt ihr mit?" Die anderen folgten ihm langsam.
Nach dem Essen gingen Mike und Angela wieder los, diesmal jedoch mit einem Ziel: Sie wollten sich die beiden Häuser der Toten ansehen. Ihnen war klar, dass sie dort nicht so leicht hereinkommen würden, aber es sich zumindest einmal von außen anzusehen, reizte sie. Doch etwas störte Angela. Es war das Verhalten ihres Vaters, seit sie in dieser Stadt waren. Einen anderen Gedanken, der seit dem Morgen in ihr aufkeimte, verdrängte sie. Es konnte einfach nicht sein, obwohl alles passen würde. Aber ihr Vater konnte kein Mörder sein. Als sie an dem Haus von Mrs Robinson vorbei gingen, wussten sie sofort, dass dies eines der beiden Tatorte sein musste. Ein gelbes Polizeiband umzäunte das Grundstück der alten Frau zusätzlich zu einem leicht grau gewordenen Gartenzaun. Die beiden Geschwister sahen sich um: Die Straße war menschenleer, wie praktisch immer. Auch wenn Mike mit dieser Art Häuser eigentlich keine Probleme hatte, beunruhigte ihn der Gedanke, dass darin eine Frau gestorben war, doch sehr. Doch dieses Mal würde er seine Angst nicht zeigen und so schritt er mit schnellen Schritten auf das Haus zu und hob das gelbe Absperrband in die Höhe. "Komm", sagte er gelassen. Auch Angela hatte keine großen Bedenken dabei und folgte Mike sofort. Nach einem kurzen Weg über den Steinpfad standen die beiden vor der rustikalen Haustür. "Soll ich anschellen?", sagte Angela mit einem breiten Grinsen. Mike verzog das Gesicht und drückte gegen die Tür. Doch sie war abgeschlossen und um diese zu öffnen, hätten sie das Polizeisiegel beschädigen müssen. Letzteres Problem zeigte sich auch bei den Fenstern. Angestrengt überlegten die beiden, wie sie das Haus betreten könnten, bis sie es sahen: Eine große Holzleiter, die in einer Ecke des Gartens, zum Teil hinter einem Busch, da lag. Diese Leiter in Verbindung mit der Tatsache, dass das oberste Fenster des Hauses nicht mit einem solchen Siegel versehen war, schien die einzige Möglichkeit, das Haus zu betreten. Doch jetzt, um diese Tageszeit, würde dies selbst in Hansenville auffallen. Deshalb beschlossen die beiden, bis zur Nacht zu warten, um sich dann endlich den Schauplatz eines echten Mordes anschauen zu können.
Der Tag verlief recht ereignislos. Während Erica die meiste Zeit unterwegs war (keiner der Familienmitglieder wusste genau, wo sie war, doch es störte sie nicht weiter), verbrachte Daryl damit, den Fernseher des Hotels auszuprobieren. Am Abend kam es ihr lächerlich vor, doch Angela sah ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet, als Daryl bei einem Thriller hängen blieb, in dem es darum ging, dass ein junger Mann als Serienkiller in San Fransisco unterwegs war. Um 23Uhr gingen die beiden, so leise sie konnten, denn ihre Eltern schliefen endlich, noch einmal nach draußen. Auf dem Weg zu dem Haus von Mrs Robinson wurden ihre Zweifel, ob ihr Vater so etwas tun könnte, immer größer. Als sie das Haus erreichten, ging Angela nur noch mit dem Ziel in das Haus, Beweise dafür zu finden, dass ihr Vater unschuldig ist. Mike schien ihre Befürchtungen nicht zu teilen. Er schien äußerst entschlossen, das Haus zu betreten und Angela glaubte sogar, eine gewisse Vorfreude auf den Tatort erkennen zu können. Mithilfe der Leiter kamen sie relativ einfach bis zum obersten Fenster, auch wenn einige Sprossen bedenklich knarrten. Zu ihrem Glück war das Fenster noch nicht einmal verschlossen. Mit etwas Druck konnte Mike es öffnen. Er betrat den dunklen, staubigen Dachboden und sah sich um. Außer einer Menge Kisten war dort nicht viel zu sehen. Angela folgte ihm. "Da vorne ist die Klappe", sagte sie und deutete auf eine leichte Erhöhung im Boden. "Zumindest können wir jetzt keine Geräusche über uns hören", sagte Mike und lachte kurz. Seine Schwester antwortete nicht, sondern öffnete unter lautem Knarren die Klappe. Durch eine schmale Treppe kamen die beiden auf die erste Etage. Wenn sie es nicht besser wüssten, hatten die beiden gesagt, dass hier noch jemand wohnt. Vor ihnen lag ein langer dunkler Gang mit Bildern an beiden Seiten. Durch zwei offen stehende Türen konnten sie in das Badezimmer, in dem noch diverse Pflegeprodukte zu finden waren, und in das Schlafzimmer der alten Frau sehen, das ebenfalls noch komplett eingerichtet war. Langsam gingen sie über den langen Gang und sahen sich um. "Mein Gott, was für geschmacklose Bilder", sagte Mike bei dem Anblick eines nackten älteren Paares. "Warum kauft man sich sowas?!", fügte er hinzu. Angela lachte. "Vielleicht hat sie es ja selbst gemalt". Als die beiden eine Treppe erreichten, stoppte sie kurz. "Ich hab' gelesen, sie ist unten in ihrem Sessel getötet worden." Mike blickte nach unten in die Dunkelheit. "Geh weiter!", sagte er nach einem kurzen Moment. Nach einem weiteren kurzen Moment setzte Angela sich in Bewegung. Als sie auf der Hälfte der Treppe waren, blieb Mike plötzlich stehen. "Was ist?", fragte Angela. Mike stand kurz ganz ruhig da, dann schüttelte er den Kopf und ging weiter die Treppe runter. Als sie das Erdgeschoss erreichten, wurde sofort klar, wo Mrs Robinson getötet wurde. Eine große Blutlache kennzeichnete den genauen Ort. Mike riss die Augen auf. "Wow...", sagte er nur, in einem Ton, als hätte er gerade etwas wunderschönes gesehen. Angela löste ihren Blick nach einigen Sekunden und sah sich um: Abgesehen von dem Blutfleck wirkte alles ganz normal. Das Mondlicht sorgte zwar für Licht, jedoch tauchte es auch alles in ein gespenstig wirkendes Halbdunkel. Langsam gingen die beiden Geschwister auf die Blutlache zu, Angela überlegte angestrengt, ob ihr Vater wirklich zu sowas fertig war. Hätte er wirklich zwei Menschen töten können? Die Zweifel wurden immer stärker in ihr, bis Mike, der einige Schritte hinter ihr war, sie aus ihren Gedanken riss. Mit einem lauten Schrei war er neben seine Schwester gesprungen. "Was ist?", fragte Angela verängstigt und glaubte an ein Déja vu, da ihr diese Situation vorkam wie in der alten Blibiothek. Doch dieses Mal war es anders. Mike zeigte mit weit aufgerissenen Augen auf die Treppe, auf der, ganz ruhig, eine dunkel gekleidete Person stand. Diese schaute sie nur an, sonst tat sie nichts. "Wir...wir wollten nur...", fing Angela wieder an, in der Hoffnung, nur von einem Polizeibeamten oder etwas ähnlichem erwischt worden zu sein. Doch die Angst wurde bei Mike und Angela immer größer. Diese wurde so groß, dass die beiden am liebsten nur noch gerannt wären. Deswegen war es fast schon schmerzhaft, als diese Angst jäh durch eine bekannte Stimme beendet wurde. "Was macht ihr denn hier?", erklang die Stimme von Erica. Einen Moment lang empfand Angela ein riesiges Glücksgefühl, sie hätte am liebsten gesungen, doch dann kam ihr ein grausamer Gedanke: War ihre Mutter die Mörderin? Sie versuchte verzweifelt, auch diesen Gedanken, wie vorher die Verdächtigung ihres Vaters, zu verdrängen. Vielleicht hatte ihre Mutter nur bemerkt, dass sie nochmal zu dem Haus gegangen waren und hatte sie deswegen verfolgt. Aber bis ins Haus? Warum hatte sie die beiden dann nicht schon vorher aufgehalten? Doch Mike schien nur erleichtert zu sein, dass seine Mutter da war. Er lief ihr entgegen und Erica breitete die Arme aus. Mike fiel ihr in den Arm, doch spürte er ein eigenartiges Gefühl im Rücken, als sich Ericas Arme um ihn schlossen. Es war ein schmerzhafter Stich im Rücken, der ihm die Beine wegzureißen schien. Er klammerte sich verzweifelt an seiner Mutter fest, doch auch seine Hände versagten nach einigen Sekunden. Mike spürte, wie seine Mutter etwas aus seinem Rücken zog und sah, wie seine Mutter es in die Luft hob. Das Mondlicht spiegelte sich in der Klinge des langen, mit Blut überströmten Messer. Angela schrie laut auf und rannte auf ihre Mutter zu. Sie musste die Frau einfach aufhalten. Doch noch bevor sie einen Schritt tun konnte raste das Messer in der Hand nach unten. Mike sah das Messer genau auf sein Gesicht zukommen und dann wurde alles schwarz. Der Junge brach sofort in sich zusammen und blieb regungslos, mit weit aufgerissenen Augen liegen. Angela stoppte wieder. Sie starrte auf die Leiche ihres Bruders, trotzdem konnte sie es nicht fassen. Sie konnte nicht fassen, was sie gesehen hatte. Nach einigen Sekunden liefen ihr jedoch die ersten Tränen über das Gesicht. Erica stand da und blickte Angela an. Völlig ausdruckslos und kalt sah sie runter auf ihren Sohn, aus dessen Stirn das Blut lief. Von dem Messer in Ericas Hand tropfte ebenfalls das Blut. "Ihr hättet nicht herkommen sollen", sagte Erica dann in einem kalten Ton, den Angela noch nie zuvor bei ihr gehört hatte. Dann setzte Erica sich in Bewegung und ging auf ihre Tochter zu. Diese stand wie angewurzelt da. Erst als ihre Mutter fast direkt vor ihr stand, bemerkte Angela sie und taumelte nach hinten. Sie stürtzte auf eine Tür direkt vor ihr zu. Sie ergriff die Türklinke und stieß die Tür auf. Als sie sich in dem dunklen Esszimmer befand, schloss sie die Tür und drehte den Schlüssel um. Danach sank sie weinend, an die Tür gelehnt, zusammen. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ihre Mutter nur so etwas tun? Erica rüttelte an der Türklinke, doch die Tür blieb geschlossen. Ihr Blick streifte durch den Raum und blieb bei dem Tisch in der Mitte des Raumes hängen. Er schien riesig, für mindestens zehn Personen ausgelegt zu sein. Und etwas lag auf dem Tisch. Doch von unten konnte sie es nicht erkennen. Langsam erhob sie sich wieder. Ihre feuchten Augen weiteten sich noch einmal zu voller Größe. Denn auf dem Tisch lag ein Mensch. Allerdings nicht irgendein Mensch, sondern Daryl. Dieser blickte sie mit kalten, leblosen Augen an, mit den Händen auf eine blutige Wunde in der Brust deutend. Angela konnte einen Schrei nicht unterdrücken. Laut schluchzend schloss Angela die Tür auf. Ihr war es egal, ob sie leben oder sterben würde, sie wollte nur aus diesem Haus. Sie riss die Tür auf und sah ihre erstaunte Mutter ein paar Meter vor sich, das Messer immer noch in der Hand haltend, eine Zigarette rauchen. Etwa einen Meter vor ihr blieb Angela stehen und schrie sie an:"Warum machst du das? Warum hast du Mike getötet? Und Dad? Warum?", die Tränen liefen ihr weiter über das Gesicht und tropfen auf ihren dunklen Pullover. Erica zog tief an der Zigarette und antwortete ganz ruhig:"Das mache ich schon seit Jahren. Immer wenn euer Vater im Urlaub war. Ihr beide seit eh immer zusammen unterwegs gewesen, also hatte ich viel Zeit. Dieses Jahr sah ich meinen Plan schon gefährdet, weil dein Vater unbedingt mit uns verreisen wollte, aber zum Glück hat er sich ja mehr um das Auto gekümmert, als um mich. Wie immer", sie zog erneut an der Zigarette und klopfte die Asche ab. "Und warum ich das mache? Es beruhigt. Wenn du dein ganzes Leben lang jeden Tag das gleiche gemacht hast, wirst du irgendwann in eine Situation kommen, wo du zwei Optionen hast" Angela schluchzte laut, Erica machte deswegen eine kurze Pause. Es schien, als ob sie nicht wollte, dass ihrer Tochter auch nur eine Silbe entgehen würde. "Entweder du bringst dich um, oder du bringst andere Menschen um. Mord ist der einzige Ausweg." Angela spürte, wie neben der gewaltigen Trauer nun auch Wut mit hinzu kam. "Aber warum Mike? Und warum Dad?", schrie sie. Erica lächelte kalt. "Meinst du, mich interessiert es auch nur ein bisschen, wen ich töte? Dein Dad hat leider meine Klamotten hier gefunden", sie deutete auf ihre schwarze Jacke und die schwarze Hose. "und er fing an, blöde Fragen zu stellen, weil darauf noch ein paar Blutspritzer waren. Ich kann in einem Hotel schlecht waschen", sie zog das letzte Mal an ihrer Zigarette und drückte sie dann in einem Aschenbecher aus. "Und ihr...naja, ihr seit einfach zu neugierig. Ich habe immer das Haus meines ersten Opfers als eine Art Basis genutzt. Hättet ihr euch nicht das Haus von diesem Typ etwas außerhalb anschauen können? Aber nein, es musste ja unbedingt dieses hier sein.", ihr Ton wurde vorwurfsvoll. Dies machte Angela noch wütender. "Tut mir Leid, mein Schatz, aber jetzt bist du dran. 'Es ist so grausam, dass ihr auch dem Mörder zum Opfer gefallen seit. Warum ihr? Warum?' Meinst du Onkel Ben glaubt mir das so?", sie ging langsam auf ihre Tochter zu. Diese versuchte, keine Trauer mehr zu zeigen, sondern nur noch Wut. Als Erica direkt vor ihr stand stürmte sie an ihrer Mutter vorbei auf die Treppe zu. Sobald sie das Haus verlassen hatte, würde sie die Polizei rufen. Auch wenn sie damit das letzte enge Familienmitglied verlieren würde. Aber das war nicht ihre Mutter. Das war ein Monster. Und Angela würde dafür sorgen, dass dieses Monster nie wieder mordet. Oder doch nicht? Angela spürte, wie ihre Beine langsamer wurden. Gleichzeitig breitete sich ein Schmerz über ihren Rücken aus. Angela fiel zu Boden. Sie hörte, wie ihre Mutter neben sie schritt. "Tut mir wirklich Leid, bitte verzeih mir", sagte sie in ihrem normalen, warmen, Ton. Das war das letzte, das Angela hörte, bevor ihr Blick nebelig wurde und alles verschwamm. Sie versuchte noch ein letztes Mal, sich aufzurichten, doch ihre Arme gaben sofort wieder nach. Und so starb auch Ericas zweites Kind.
Der Wagen lief besser als vorher, der Mechaniker hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Er hatte nicht einmal gefragt, wo Daryl war, als Erica das Auto abholte. Er war wahrscheinlich ganz froh, diesen Mann nicht mehr sehen zu müssen. Auch das einladen der Leichen war kein Problem, nachts war wirklich niemand auf den Straßen von Hansenville. Nicht einmal im Hotel hatte jemand fragen gestellt, obwohl Erica dann auch mit Sicherheit etwas eingefallen wäre, um die Sache logisch zu erklären. Das war ihr immer. Jetzt war sie auf dem Weg in den wohlverdienten Urlaub. Nur ein Problem stellte sich noch: Wohin mit den Leichen im Kofferraum?


ENDE


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